Der passsende Song zum Jahreswechsel. Aber Vorsicht: das Lied hat Ohrwurmpotential!

Jetzt bin ich seit ein paar Tagen wieder zurück in Hamburg. Und die häufigste Frage hier: Wie war es denn? Wie war es denn nun? Schwierig, eine Antwort zu finden, die in zwei, drei Sätze passt. Petersburg ist schön, sogar im Oktober und November – in einer Jahreszeit in der man dort sicher auch das Gefühl bekommen kann, depressiv werden zu müssen. Es wird kaum hell, es regnet viel, es ist ungemütlich kalt auf den Straßen. Dafür umso wärmer in den überfüllten Metrobahnen, in Geschäften und den zentral geheizten Wohnungen. Heftige Temperaturunterschiede zwischen draußen und drinnen, doch es gibt nicht nur die. Petersburg ist eine Stadt voller Gegensätze. Auf der einen Seite das Glitzer und Glamour-Petersburg: mit dem Newskij Prospekt – der Vorzeigestraße, der Prachtallee schlechthin, mit den schönsten Bauten, Theatern, Konzertsälen. Doch nur ein paar Straßen weiter stehen ältere Frauen und verkaufen ihre wenigen Äpfel, Kräuter und eingelegten Salzgurken, um sich zu ihrer spärlichen Rente noch ein paar Rubel dazuzuverdienen. Dort werden auch Obdachlose mit Tee und Suppe versorgt, der Andrang ist groß. Die soziale Spaltung der Stadt auch.

Novemberblick in „meinen“ Hinterhof

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Vladimir sitzt in einer kleinen Wohnung in der Rubensteinstrasse, hier hat der junge Komponist seine erste Oper geschrieben. Wie fast alle Russen raucht auch er und zwar viel, aber er drückt seine Zigaretten nach der Hälfte aus, um sich kurze Zeit später wieder eine anzustecken. Er trägt Chucks und einen Kapuzenpulli und erzählt fast atemlos von seiner Oper. Es ist die Geschichte „Heinrich Blaubart“ von Dea Loher. “Kennst Du?” fragt er unverhofft, ohne die Antwort abzuwarten. kantateWie im Originalstück werde auch in seiner Oper nur die Blinde am Ende überleben. Er erzählt von Liebe und Nicht-Liebe, von Einsamkeit, vielen Gefühlen von Personen, die sich gegenseitig an- und abstoßen. „Atomisiert“, nennt er sie. Am Liebsten hätte er seiner Oper den Namen „Vakuum“ gegeben, doch das wollte Dea Loher nicht. Noch im Erzählen packt Vladimir seine Noten zusammen, leert den überfüllten Aschenbecher aus und nimmt seine Tasche. Er müsse jetzt ans Konservatoium unterrichten, später zur Solistenprobe seiner Oper und dann noch einen Artikel für den „Kommersant“ schreiben. Viel Zeit hat er nicht. Wie die meisten Petersburger hat auch er mehrere Jobs, um sich irgendwie über Wasser zu halten.

Russen lieben ihre Anonymität. Telefongespräche beginnen mit „Allo“, „Allo“, sagt auch der Andere. Ein Name wird nicht genannt. Warum auch? Wenn man eine Nummer gewählt hat, sollte man all seine hellseherischen Fähigkeiten einsetzen, um herauszufinden, wer am anderen Ende der Leitung den Hörer abgehoben hat. Klappt es nicht mit dem Hellsehen, hat man immerhin noch das Wörtchen „Allo“, das ja durchaus Rückschlüsse auf die Identität zulassen kann. Versagt man auch in der Disziplin „Stimme raten“, gibt es noch den sicheren Weg der penetranten Frage, wer denn am Telefon sei. Hat man schließlich herausgefunden, das der, den man phoneeigentlich sprechen will, gar nicht dran ist, wird man, wenn man Glück hat, weiterverbunden. Dabei kann es häufig passieren, dass das Weiterverbinden nicht klappt oder aber das ohne jede Vorwarnung aufgelegt wird, weil es eben gerade nicht passt. So jedenfalls ist es mir heute ergangen. Nach dem 3. Mal „tüt, tüt, tüt“ hatte ich keine Lust mehr, die Information zu bekommen, die ich eigentlich haben wollte. Hartnäckigkeit hilft übrigens nicht weiter. Man muss jemanden kennen, der wiederum jemanden kennt, der einen Bekannten hat, der einem weiterhelfen will. So ist das. Das ich das immer noch nicht verinnerlicht habe…

Ja, man kann ganz viel falsch machen. Jedenfalls dann, wenn man dem russischen Aberglauben Bedeutung schenkt. Etwas unbedarft, ohne wirklich darüber nachzudenken, bin ich schon einige Male pfeifend durch die Wohnung gelaufen. Ein Ohrwurm, der einfach raus wollte. Jedenfalls brachte mir das von meiner Vermieterin schon wirklich strafende Blicke ein und mehrere „Don´t whistle at home“-Aufforderungen. Da lässt Anastasia nicht mit sich spaßen. Pfeifen zuhause bedeutet, man bringt sich in finanzielle Schwierigkeiten, man „verpfeift“ quasi sein Geld. Jetzt wird mir auch so einiges klar. glueckshaseUnd noch was. Als wir neulich die Wohnung verlassen haben, die Tür schon hinter uns zugezogen und abgeschlossen hatten, sage ich: „Ich muss nochmal zurück, ich hab was vergessen.“ Anastasia fragt mich, ob es denn wirklich richtig wichtig sei. „Nun, ja schon“, antworte ich. Es bringe aber Unglück, wenn ich umkehren würde. Dann werde der ganze Abend schlecht, dann könnten wir auch gleich zuhause bleiben. Ich schaue entgeistert. Auf einmal sagt sie: „Schon gut, es gibt eine Möglichkeit. Schau einfach in den Spiegel.“ Also, ich zurück in die Wohnung, hab kurz mein vergessenes Handy aus meinem Zimmer geholt und mich dann erstmal eine gute Minute vor den Spiegel gestellt. Ich dachte, je länger desto besser. Anastasia wurde im Treppenflur schon etwas ungeduldig, aber der Abend war gerettet. Woran das jetzt lag, mag ich nicht sagen. Vielleicht auch an dem Glückshasen, der in der Newa steht. Wenn man nämlich Geldmünzen so auf die Bohlen wirft, dass sie liegenbleiben, hat man eine glückliche Zeit in Petersburg.

strasse_ampelMittlerweile hab ich das Gefühl, dass ich schon fast assimiliert bin. Vieles, worüber ich mich in den ersten Tagen und Wochen gewundert habe, ist irgendwie schon ganz normal geworden. Wenn zum Beispiel die Fußgängerampel grün anzeigt, heißt das noch lange nicht, dass man gefahrenlos die Straße überqueren kann. Wenn das heiße Wasser oder der Strom in den Wohnungen ausfallen, dann ist es eben so. Darum wird kein großes Aufsehen gemacht, es werden keine langen Beschwerdebriefe geschrieben, warum auch, was würde es auch nutzen. Es geht in Russland wesentlich gelassener zu. Wenn der Bus nicht kommt, dann kommt er eben nicht. Wenn man verabredet ist, heißt das noch lange nicht, dass die Russen dann auch da sind.  Wenn am 10. des Monats Zahltag ist, dann wird an dem Tag gelebt wie ein König, neue Klamotten gekauft und abends wird fein ausgegangen. In dem Moment ist es überhaupt nicht wichtig, was Morgen ist, nächste Woche oder gar im nächsten Monat. Das Leben ist hier und jetzt.

Ich wollte sie heute auch kaufen: die Obama-Matroschka-Puppen. Doch nix da. Ich rannte in eisiger Kälte matroschkasüber den Souvenirmarkt, guckte mir wirklich jeden einzelnen Matroschka Stand an, doch von Obama weit und breit keine Spur. „Alle verkauft“, sagte eine der Standbesitzerinnen. „Von Russen?“, fragte ich.“Nein“, sie schüttelte den Kopf: „Von ausländischen Touristen“. Barack Obama – also voll der Matroschka-Puppen-Renner. Etwas enttäuscht, das ich keine ergattern konnte, zog ich von dannen. Die Verkäuferin rief mir aber noch hinterher, ob ich nicht Bush kaufen wolle, von dem hätte sie noch so viele oder das Doppelgespann Putin/Medwedjew oder die Merkel.

Dass die russische Führung froh über den neugewählten demokratischen US-Präsidenten ist, mag man irgendwie gern bezweifeln. Zumindest hat Medwedjew heute in seiner ersten Rede zur Lage der Nation Barack Obama nicht direkt zum Wahlerfolg gratuliert. Ob das was heißen mag, was das heißen mag – viel Platz für Interpretationen. Wenig Platz für Interpretationen lässt hingegen die Ankündigung neuer russischer Raketen an der NATO-Grenze. Und das an dem Tag an dem Obama überall gefeiert wird. Die Frage stellt sich, ob Medwedjew bewusst diesen Termin für seine Rede gewählt hat. Wieder viel Platz für Interpretationen. Aber immerhin – heute schien in Petersburg die Sonne. So ist also doch etwas von der Obama-Euphorie nach Russland geschwappt.

Der 4. November: der Tag der Entscheidung. Die ganze Welt schaut nach Amerika. Nur die Russen scheinen sich kaum für die Wahl des amerikanischen Präsidenten zu interessieren. Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstutes Lewada sollen 64 % der Russen den Wahlkampf in den USA nicht verfolgt haben. Meine Vermieterin fragte mich gestern: „Obama – wer ist das denn?“

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