Uncategorized


Jetzt bin ich seit ein paar Tagen wieder zurück in Hamburg. Und die häufigste Frage hier: Wie war es denn? Wie war es denn nun? Schwierig, eine Antwort zu finden, die in zwei, drei Sätze passt. Petersburg ist schön, sogar im Oktober und November – in einer Jahreszeit in der man dort sicher auch das Gefühl bekommen kann, depressiv werden zu müssen. Es wird kaum hell, es regnet viel, es ist ungemütlich kalt auf den Straßen. Dafür umso wärmer in den überfüllten Metrobahnen, in Geschäften und den zentral geheizten Wohnungen. Heftige Temperaturunterschiede zwischen draußen und drinnen, doch es gibt nicht nur die. Petersburg ist eine Stadt voller Gegensätze. Auf der einen Seite das Glitzer und Glamour-Petersburg: mit dem Newskij Prospekt – der Vorzeigestraße, der Prachtallee schlechthin, mit den schönsten Bauten, Theatern, Konzertsälen. Doch nur ein paar Straßen weiter stehen ältere Frauen und verkaufen ihre wenigen Äpfel, Kräuter und eingelegten Salzgurken, um sich zu ihrer spärlichen Rente noch ein paar Rubel dazuzuverdienen. Dort werden auch Obdachlose mit Tee und Suppe versorgt, der Andrang ist groß. Die soziale Spaltung der Stadt auch.

Novemberblick in „meinen“ Hinterhof

mein_hinterhof_in_piter_bearbeitet

Der 4. November: der Tag der Entscheidung. Die ganze Welt schaut nach Amerika. Nur die Russen scheinen sich kaum für die Wahl des amerikanischen Präsidenten zu interessieren. Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstutes Lewada sollen 64 % der Russen den Wahlkampf in den USA nicht verfolgt haben. Meine Vermieterin fragte mich gestern: „Obama – wer ist das denn?“

Eine Woche Blog-Pause. Ab 1. Oktober geht´s dann weiter, unter anderem mit Geschichten aus dem Inneren eines russischen Fernsehsenders. Bis dahin, пока.

50 Stunden Sprachunterricht | 3 Lehrer | 2 Wohnungen | 1 Umzug | 1 Registrierung | 3 Wodka | 16 Metrofahrten | 14 Blinis | 2 x Bortsch | 1 x Tschi | 1 x Pelminis | 2 Kilo mehr | 3 Taxifahrten | 1 kaputtes Handy |1 grosse Shoppingtour | 3 kleine Shoppingtouren | 1 neues Handy | 164 Fotos | 4 Busfahrten |  1 russischer Film | 19 Instant-Kaffee | 40 km zu Fuss durch die Stadt

Die alten Sowjet-Zeiten sind aus dem modernen Russland noch nicht verschwunden. Draussen ist es bitter kalt: 7 Grad, gefuehlte 3. Halb Petersburg friert und muss warten bis das zentral gesteuerte Heizungssystem angestellt wird. Nichts mit individuellem Waermeempfinden, gefroren wird kollektiv und geschwitzt auch. Wenn die Heizungen naemlich erstmal an sind, dann bollern sie richtig. Keine Chance die Temperatur irgendwie zu regulieren. Da bleibt dann nur: Oeffnen der Fenster und warten bis im Fruehjahr die Heizungen wieder abgestellt werden.

Es ist eigentlich nicht weit von meiner alten Unterkunft entfernt, doch dazwischen liegen Welten. Hier auf der anderen Seite der Newa, in einer Querstrasse vom Newskii Prospekt darf ich mich jetzt Teil des russischen bourgeoisen Kuenstlerlebens nennen. Und ganz ehrlich: Es ist super. Eine helle, grosse 4 Zimmer Wohnung, Parkettfussboden, Fotografien, Lichtinstallationen im Badezimmer,  Art-Design im Flur, Internetanschluss und eine ganz saubere Kueche. Und absolut kein fettes russisches Essen mehr, sondern gesunde, kalorienreduzierte Kost: Low-Fat Butter, Schwarzbrot und Salat.

Das Radio dudelt russischen Pop, im Fernsehen laufen Nachrichten, meine Babuschka telefoniert mit einer „подруга“, dabei zeigt sie mir Fotos von Ihrem letzten Tuerkei-Urlaub und ich muss einen vergleichenden Aufsatz ueber die Arbeitslosigkeit in Deutschland und Russland schreiben. Es ist kurz nach Mitternacht. Am naechsten Morgen muss ich meine Erkenntnisse in der Sprachschule vortragen. Und ich muss was vortragen. Keine Ausreden, die Lehrer sind unerbittlich. Der Intensivsprachkurs ist wirklich intensiv: Nur zwei Schueler- ein Lehrer, jeden Tag 5 Stunden. Danach dann die gewaltige Palette Hausaufgaben: Grammatikuebungen, Aufsaetze schreiben, seitenweise Abhandlungen lesen – ueber die russische Aussenpolitik und Russlands oekonomische Entwicklung in den vergangenen 100 Jahren. Dann Vokabelnlernen bei Radiogedudel, laufendem Fernseher, Hundegebell und einer herumwirbelnden Babuschka.

Meine Babuschka hat noch nichts davon gehoert, dass weniger manchmal mehr ist. Selbst der Familienhund, der uebrigens Allergiker ist, bekommt in seinen Fressnapf Fett gegossen. Fuer mich gibt es zum Fruehstueck einen typisch russischen Brei, der natuerlich in Butter schwimmt. Nix mit reduziertem Fettgehalt oder dem ganzen neumodernen Wellnesskram. Zum Abendbrot: ein Mayonaise-Salat mit Fisch und Gurke, in viel Sahne gekochte Pilze, ein weichgekochtes Ei vermengt mit Kaese, Knoblauch und wieder Mayonaise, dazu selbstgemachte, aber leider auch sehr fettige, Pommes. Das liegt alles echt schwer im Magen. Wenn es nach dem Essen doch wenigstens einen Wodka geben wuerde.

Eine aeltere Frau oeffnet die Tuer, voellig ueberrascht, dass ich da bin, sie haette mich erst morgen oder uebermorgen erwartet. Unentwegt lautes Hundebellen. Ich solle reinkommen, was wirklich nicht einfach ist. Eine komplett zugestellte und vermuellte Wohnung – irgendwie kaempfe ich mir aber einen Weg frei. Sie sagt, sie heisst Asya und redet ohne Punkt und Komma: Russisch, Russisch, Russisch. Ich nicke. Asya faengt sogleich an, herumzuwirbeln. Sie rauemt Sachen von einer Ecke in die andere, wischt Staub, putzt hier und da. Mich setzt sie in der Zwischenzeit in die kleine Kueche, die nicht weniger chaotisch aussieht, zum Tee trinken und Kekse essen mit dick Butter und Marmelade. Spaet abends, als Asya mir meinen Kopfkissenbezug zunaeht, erklaert sie mir dann ein wenig die Welt: den Kaukasus-Konflikt, warum die Englaender die Russen hassen und dass das Wort „Neger“ im Russischen uebrigens kein Schimpfwort ist.

Nächste Seite »