Die Redaktion „Другой Взгляд“ des 5. Kanals (bei der ich die letzten Wochen war) gibt es nun ganz offiziell nicht mehr. Die großen Russlandkarten wurden zusammengerollt, Putin und Medwedjew abgehängt, Daten von den Computern gespielt, DVDs, Bücher, Kassetten in Kartons gepackt. Und für den letzten Abend, bevor die Türschlösser zu guter letzt ausgetauscht wurden, hatte der Abteilungsleiter noch was springen lassen: 3000 Rubel. Für die etwas mehr als 80 € durfte die Redaktion einkaufen gehen, um mit ihm gemeinsam Abschied zu feiern.
Aber nicht alle waren da, denn was gab es schon zu feiern? Das Ende eines Programmes, welches erst vor 3 Monaten von einem wöchentlichen 45 Minuten Sendeplatz auf tägliche 5 Minuten runter degradiert wurde und jetzt mit einem Fingerschnipp von der Mattscheibe verschwindet. Nein, kein Grund zum offiziellen Feiern, eher zum inoffiziellen „Sich-Was-Hinter-Die-Birne-Kippen“. Und so haben es auch die russischen Kollegen gehalten und einen Tag zuvor die 3000 Rubel vom Abteilungsleiter auf den Kopf gehauen. Am nächsten Tag wurde dann für die offizielle Verabschiedung Geld zusammengesammelt, um wenigstens etwas auf dem Tisch zu haben. Üppig war das Angebot nicht. Gewundert hat sich darüber aber niemand, nur der Herr Abteilungsleiter.
Nov 2, 2008
Bescheidener Abschied
Posted by Birgit under Medien | Schlagworte: 5. Kanal, Auflösung einer Redaktion, Finanzkrise, Verabschiedung |Leave a Comment
Okt 28, 2008
Erst die Nägel, dann meine Kaugummis
Posted by Birgit under Eigenarten | Schlagworte: 24-Stunden-Shops, Dienstleistungsgesellschaft, Kundenzufriedenheit |Leave a Comment
An jeder Ecke gibt es sie: 24-Stunden-Shops. Kleine Läden in denen man alles kaufen kann, vor allem Alkohol und Zigaretten. Zu zwei Dritteln bestehen diese Shops aus Regalen mit bunten, hochprozentigen Flaschen. Da es unzählige dieser kleinen Läden gibt, möchte man meinen, die Konkurrenz sei groß und alles erdenklich Mögliche müsste für die Kundenzufriedenheit getan werden. „Kundenzufriedenheit“ ist genauso
wie das Wort „Dienstleistungsgesellschaft“ aber irgendwie einfach zu deutsch. Ich bezweifel auch, dass es überhaupt Übersetzungen ins Russische gibt. Jedenfalls will ich in einem dieser kleinen Shops eigentlich nur ein paar Kaugummis kaufen. Der Laden ist leer. Die Verkäuferin feilt ihre Nägel. Sie sieht mich reinkommen, guckt kurz hoch, antwortet auf mein Grüßen nicht. Ich stehe vor dem Kaugummiregal, habe schon längst meine Sorte ausgewählt und beginne Kleingeld zu suchen, panisch taste ich alle Jackentaschen ab, ob sich nicht doch noch irgendwo ein paar Rubel versteckt haben. Nein. Ich werde nicht passend zahlen können. Ich male mir den strafenden Blick jetzt schon aus, obwohl die Verkäuferin noch nicht einmal überhaupt daran zu denken scheint, mich auch nur fragen zu wollen, was ich möchte. Ich beginne etwas unruhig auf der Stelle herumzutreten, sage „Entschuldigen Sie“, was die Sache mit den Nägeln aber so gar nicht beschleunigt. Ich sehe ein, ich muss mich gedulden, schließlich werde ich sie gleich noch bemühen müssen, mir passendes Rückgeld zu geben.
Okt 24, 2008
Mit der Stretchlimousine durch die Stadt
Posted by Birgit under Traditionen | Schlagworte: Fotosession, Hochzeiten |[2] Comments
Es gibt in Russland viele Traditionen, an einer kommt man als Spaziergänger in Petersburg ganz sicher nicht vorbei: An ganzen Hochzeitsgesellschaften, die sich liebend gern vor Sehenswürdigkeiten der Stadt fotografieren lassen, in langen
Stretchlimousinen vorgefahren werden, kurz aussteigen, für ein Foto in die Höhe springen und dann wieder weiter fahren. Und die Brautleute sehen alle immer so verdammt jung aus, sind nicht älter als 22 oder 23. Ganz sicher käme hier keiner in die Verlegenheit, 30 zu werden, unverheiratet zu sein und den Rathausmarkt fegen zu müssen.
Okt 20, 2008
Kein „Anderer Blick“ mehr
Posted by Birgit under Medien | Schlagworte: 5. Kanal, Finanzkrise |Leave a Comment
Die gesamte „Другой Взгляд“ („Der andere Blick“) Redaktion sitzt in ihrem kleinen Konferenzraum zusammen. Das war eher selten in den vergangenen 2 Wochen der Fall. Alle rauchen. Ungewöhnlich. Normalerweise darf in der Redaktion erst nach 19 Uhr geraucht werden. Heute scheint sich niemand darum zu kümmern. Die Stimmung ist alles andere als ausgelassen. Die Chefin geht raus und unverzüglich erklären mir die jungen Kollegen, dass ihnen gerade mitgeteilt wurde, dass sie nur noch zwei Wochen senden dürfen. Dann ist vorbei mit dem „Другой Взгляд“, nichts mehr mit Reportagen, die versuchen, einen anderen Blick zu finden. Relativ nüchtern erzählen sie mir, dass das gesamte Budget des 5. Kanals um 60 Prozent gekürzt werde, wegen der Finanzkrise sagen sie. Was danach mit ihnen passiere, wissen sie nicht so genau. Der 5. Kanal habe anscheinend versprochen, sie irgendwie weiter zu beschäftigen. So richtig glauben, tun sie das aber alle nicht. Und dann wird wieder geraucht. Stiller Protest.
Okt 20, 2008
In 36 Stunden: Moskau hin und zurück
Posted by Birgit under Kultur | Schlagworte: Moskau, Verkehr, Wodka |Leave a Comment
Züge zwischen Petersburg und Moskau fahren fast minütlich,
die Nachtzüge sind immer voll, bequem und richtig pünktlich. Ein Tag Moskau, 2 Mal Nachtzug:
1) Stau, Stau, Stau. Es gibt noch viel mehr Autos in Moskau als in Petersburg.
2) Das Metrotunnelsystem ist so unübersichtlich, dass selbst mein russischer Kollege kurzzeitig den Überblick verloren hat und wir zweimal in die falsche Richtung gefahren sind.
3) Der Kreml steht. Mitten auf dem Roten Platz allerdings auch ein großes weißes Zelt, in dem Boxkämpfe stattfinden und Fussballspiele übertragen werden. Hmmm, passt nicht so ganz zum Herzen Russlands. Oder doch?
4) Wodka trinkt man nicht, ohne danach eine Kleinigkeit zu essen. Wenn doch, gucken einen die Russen ziemlich komisch an. Gibt es nichts zum hinterher essen, tut es auch ein Glas Tomatensaft.
5) Bei geschäftlichen Terminen geben sich Männer untereinander die Hand, den Frauen wird aber nur zugenickt. Ich stand mit meiner ausgestreckten Hand ganz schön doof da.
Okt 14, 2008
Eine kleine Wohnung voller Geschichte
Posted by Birgit under Kultur | Schlagworte: Achmatowa, Bachs Weihnachtskantate, Nappelbaum |Leave a Comment
Wie spricht man richtig „Armuth“ aus und „Engel“ und wie ist das mit „Herrlichkeiten“. Aufgeregte Fragen eines russischen Chordirigenten. Er will es ganz genau wissen, fängt auf einmal unverhofft an zu singen. Es ist die Weihnachtskantate von Bach. Noch hört sie sich aus seinem Munde nicht wirklich deutsch an. Also bittet er mich, die Kantate vorzusingen. Ich schaue ihn entgeistert an. Ich? Singen? Bachs Weihnachtskantate? Nein, da muss ich passen und schüttel meinen Kopf. Die Worte kann ich ihm wohl vorsprechen, die Aussprache mit ihm üben, auch die Bedeutung erklären. Aber singen?
Wir sind in einer kleinen Wohnung in der Rubensteinstrasse, die ein
junger Komponist und ein Schriftsteller gemeinsam als kreativen Rückzug gemietet haben. Alles ist noch unverändert. Hier, wo einst Ida Nappelbaum gewohnt hat, die Tochter von Moisey Nappelbaum, einem bekannten russischen Fotografen, der unter anderem Lenin und Gorky porträtiert hat.
Hier, wo Anna Achmatowa öfter zu Besuch war. Hier gibt es ein Buch mit einem Foto von Achmatowa wie sie vor genau dem Bücherregal steht, aus dem ich gerade das Buch mit ihrem Foto herausgezogen habe.
Okt 13, 2008
Russischer Volkssport
Posted by Birgit under Medien | Schlagworte: Autofahren, Rauchen |Leave a Comment
Die Bahnschranken sind unten. Zeit genug, schnell aus dem Auto zu springen und eine Zigarette durchzuziehen. Rauchen in Akkordzeit. Das ist ein russischer Volkssport. Ich bin mit einem Kamerateam,
einer Reporterin und einem Fahrer unterwegs zu einem der wenigen ökologischen Bauernhöfe. Fünf soll es in ganz Russland geben. Unser Bauernhof, den wir besuchen wollen, liegt 180 Kilometer südlich von Petersburg, in der Nähe von Luga. Um im Training zu bleiben, wird spätestens nach 45 Minuten gehalten und geraucht. Nach 3 Stunden (nach der vierten Zigarette) will die seitliche Schiebetür nicht mehr schließen. Der Fahrer versucht vergeblich sie erst von außen, dann von innen zu reparieren. Nichts. Das Türschloss rastet einfach nicht ein. Er ruft in der Werkstatt des 5. Kanals an, doch auch mit einer wagen telefonischen Ferndiagnose ist uns nicht geholfen. Die Tür will einfach nicht zu gehen. Schließlich binden wir sie von innen zu und fahren los. Der alte Lappen gibt aber schon nach den ersten Metern nach und die Tür schiebt sich wieder auf. Jetzt ist der Kameramann doch etwas besorgt, dass ich aus dem Auto falle und gibt mir schnell zu verstehen, die Plätze zu tauschen. Für die verbleibenden zwei Stunden Fahrt hält er ganz tapfer die Tür von innen zu.
Okt 8, 2008
Ja, ich gebe es zu: Ich liebe sie. Ich könnte sie immer essen: morgens, mittags, abends. Und es gibt sie einfach in unendlich vielen leckeren Varianten bei unzähligen „Blini Take Away“ – Shops. Süß und deftig. Und süß bedeutet in Russland übrigens richtig süß, also sehr
süßes Apfelmus mit ganz süßer Karamelsoße oder mit extremsüßer Marmelade (die übrigens auch gerne zum Tee pur gelöffelt wird). Und deftig bedeutet in Russland richtig deftig. Keine halben Sachen. Blinis gefüllt mit Schweinesteak, mit in Sahne gekochten Pilzen, mit Kartoffeln, Schinken, Käse, rotem Kaviar und und und. Schließlich die entscheidende Frage: Zum mitnehmen oder zum gleich essen? Ich hab sie noch nie einpacken lassen.
Okt 7, 2008
Crime News beim 5. Kanal
Posted by Birgit under Medien | Schlagworte: Fernsehen, Russland |Leave a Comment
So, jetzt ist das Lotterleben auch vorbei: Meine nächsten Wochen gehören nun ganz dem „пятый канал“, dem einzigen russischen Fernsehsender, der in Petersburg seinen Hauptsitz hat und landesweit sendet.
Gestern war ich dann zu Gast in der Redaktion der „Crime News“. Und da gibt es viel aus Russland zu berichten: Über junge Männer, die offen zugeben, jemanden umgebracht zu haben, weil er nicht aussieht wie ein Russe, über anonyme Bombendrohungen, die anscheinend nur als vorbereitendes Training für Polizei- und Sicherheitskräfte dienten für das heutige Interpol Treffen mit Putin und über einen Hund der 67 Hühner tot gebissen hat. Mehr als eine Stunde Programm täglich.
Diese 2-3 minütigen Crime-Reportagen werden jedenfalls wie Radiostücke produziert, d.h. zuerst wird der Text geschrieben und eingesprochen. Dann beginnt man den Schnitt mit dem reinen Tonschnitt, also der bereits eingesprochene Off-Text ohne Bilder wird mit den O-Tönen geschnitten. Am Ende werden die Lücken dann mit Bildern aufgefüllt. Die Begründung: der Ton sei wesentlich wichtiger als das Bild. Niemand schaue unentwegt und konzentriert auf den Fernsehschirm, aber den Ton höre man immer.
Okt 5, 2008
Vor ein paar Tagen laufen mein australischer Mitbewohner und ich den „Малый Проспект“ entlang. Auf einmal hören wir aufgeregte Rufe: „Shane, Birgit wait!“ Unsere Vermieterin fuchtelt wild mit den Armen und will, dass wir ihr unbedingt folgen. Sie hat uns zufällig gesehen. Sie schiebt uns schnurstracks 
in ein Café, lotst uns um die Ecke herum an einen Tisch mit einer Flasche Cognac und 3 Leuten: einer russischen Journalistin, einer Universitätsprofessorin und einem vollbärtigen Mann, dem Urenkel Dostojewskijs! In meinem Kopf beginne ich zu rechnen, überschlage das Alter, versuche mich zu erinnern, wann genau der berühmte Schriftsteller Fjodor Michailowitsch Dostojewskij gelebt hat. Irgendwann Mitte des 19. Jahrhunderts. Ja, das scheint hinzuhauen. Und dann trinken wir alle zusammen Cognac an einem Tag an dem später Zenit Petersburg gegen Real Madrid verlieren wird. Vor solchen Spielen wird vorsorglich im ganzen Viertel kein Alkohol verkauft, doch Dmitrij Dostojewskij hat es irgendwie geschafft, eine Flasche Cognac zu besorgen.